Autumn Moon 2018 – Von Kuchen, Kellermenschen und Kunstnebel

22. Oktober 2018
By Steve Palaser

Die vierte Ausgabe des „Independent-Festivals der Herzen“ punktete wie in den drei Jahren zuvor mit toller Atmosphäre, vielseitigem Line-Up und denkwürdigen Konzerten

Am Wochenende des 12. – 14. Oktobers 2018 öffnete das Autumn Moon Festival in Hameln zum vierten Mal seine Pforten. Mein Appell an die Szene im vergangenen Jahr scheint Früchte getragen zu haben:

„Bereits nach der ersten Ausgabe 2015 hat die positive Mundpropaganda des damaligen Publikums dafür gesorgt, dass sich zur zweiten Ausgabe 2016 mehr Freunde der dunklen Musik von Mittelalter bis Industrial Tickets fürs Autumn Moon holten. Doch auch wenn 2016 & 2017 die einzelnen Locations recht gut gefüllt waren und auch der Mittelaltermarkt vor der Rattenfängerhalle nicht über mangelnde Besucher klagen konnte, ist immer noch Luft nach oben. Damit sich das Autumn Moon endgültig zur festen Größe im Festivalbereich etabliert, muss der Zuspruch weiter steigen. Wenn jeder, der dieses Jahr dabei war und dem es gefallen hat, nächstes Mal noch einen Freund oder eine Freundin (oder auch mehrere) mitbringt, damit diese die entspannte Atmosphäre an der Weser selbst erleben können, wäre schon viel gewonnen.“

Die angesprochene positive Mundpropaganda hat sich tatsächlich fortgesetzt, denn 2018 konnte das Autumn Moon nun erstmals die 2.000 Besucher-Marke knacken! Die Tendenz geht also weiterhin zwar in kleinen Schritten, aber dennoch kontinuierlich nach oben! Warum das so ist und was die Faszination dieses kleinen, aber feinen Festivals ausmacht, habe ich ebenfalls im letzten Jahr bereits geschrieben, so dass ich mich auch hier selbst zitieren kann.

„Wenn es am Finanziellen scheitert, lieber mal das inzwischen völlig durchkommerzialisierte und unpersönliche M’era Luna sausen lassen und das gesparte Geld in ein Ticket fürs Autumn Moon investieren. Hier wird der Independent Spirit wenigstens noch gelebt und neben namhaften Größen wie Witt, Heppner und Front 242 auch und gerade den unbekannteren Bands und Künstlern eine Bühne geboten, sich zu präsentieren. Das war es, was seinerzeit die Independent Festivals der schwarzen Szene ausgemacht hat, dass man immer wieder mal neue Bands kennengelernt hat und diese dadurch bekannter geworden sind. Während das M’era Luna an seinem eigenen Erfolg erstickt und heutzutage nur noch den Alibi-Battle of the Bands-Contest-Gewinner vormittags spielen lässt, was ohnehin kaum jemand mitbekommt, und das restliche Line Up eine Ansammlung von Szenegrößen sind, die oft im Zweijahres-Rhythmus durchrotiert werden, geben sich hier beim Autumn Moon neue Projekte, Geheimtipps, Exoten und Szenegrößen die Klinke in die Hand. Und das Ganze eingebettet in den wunderschönen Rahmen der historischen Stadt Hameln, direkt am Weserufer im Herzen von Niedersachsen. Der Spitzname „Mini-WGT“ trifft aufs Autumn Moon schon recht gut zu.“

Insbesondere die Kritik am M’era Luna hat sich nach der 2018-Ausgabe des immer besucher- und bandfeindlicher werdenden Festival-Primus auf dem Hildesheimer Flughafen nicht nur bestätigt, sondern müsste eigentlich noch verschärft werden, allerdings nicht an dieser Stelle. Hier konzentrieren wir uns lieber aufs Autumn Moon, einem Festival, dessen Veranstalter, Organisatoren, Helfer, Partner, Security und nicht zuletzt Besucher das Herz noch auf dem richtigen Fleck haben. Nur meine Bezeichnung „Mini-WGT“ muss ich etwas revidieren. Es ist eher so etwas wie ein „Mini-Amphi-Festival“, also ein Festival, welches hauptsächlich wegen seines einzigartigen Ambientes die Besucher anlockt. Da in diesem Jahr auch das Papa Hemingways in der Hamelner Innenstadt als Location wegfiel, ist es nun auch kompakter und die Idee, ein Zelt für rund 350 Besucher direkt auf dem Mittelaltermarkt an der Rattenfängerhalle aufzubauen, um dort die Bands spielen zu lassen, die sonst im Papa Hemingways gespielt hätten, erwies sich als optimale Lösung, denn das Papa Hemingways war gerade wegen der vielen Säulen und dem damit verbundenen geringen Platz in den letzten beiden Jahren stets im Fokus der Kritik. Diese Kritikpunkte fallen mit dem Zelt, welches passenderweise Moon Stage getauft wurde, weg und damit wurde das Autumn Moon noch ein wenig mehr für die Fans und Bands optimiert.  Da alle guten Dinge bekanntlich 3 sind, hier noch ein letztes Zitat aus dem Nachbericht vom letzten Jahr, da dieser Absatz auch 2018 wieder voll zutrifft – nur die Anzahl der Bands muss von „25“  auf „24“ geändert werden:

„25 Bands & Künstler spielten allein am Freitag an den vier Locations des Autumn Moon, und damit sind das Programm und die Bands auf dem Mittelaltermarkt, sowie das Rahmenprogramm  mitsamt Workshops nicht einmal mit eingerechnet. Das bedeutet, obwohl die Locations alle nur höchstens fünf Minuten Fußmarsch voneinander entfernt sind, ist es unmöglich, alles mitzubekommen und man muss den Festivaltag schon gut planen. Wobei die beste Planung über den Haufen fällt, wenn man sich auf dem Weg von Location A zu Location B mit alten Bekannten, die man zufällig getroffen hat, verquatscht. Aber auch so etwas macht Festivals ja aus.“

Aber wer waren nun die Künstler am Freitag auf dem vierten Autumn Moon? Fangen wir mit dem Schiff an, denn natürlich spielten in der MS Hameln auch wieder einige Bands. Diesmal war dank des tollen Sommerwetters auch das Sonnendeck offen, so dass man auch gemütlich mit Blick auf die Weser und die herrliche Hamelner Landschaft oder mit Blick auf den Mittelaltermarkt in der Sonne chillen konnte, aber dennoch die Musik aus dem Bauch des Schiffes hören konnte. Das ist einer dieser einzigartigen Momente, die man auf kaum einem anderen Festival hat.

Erste Band auf dem Schiff war Reaper, das instrumentale Electro/EBM/Industrial-Projekt von Vasi Vallis, der mit Namnambulu und Frozen Plasma bereits im Future Pop Bereich für Furore gesorgt hat. Mit Date at Midnight präsentierte eine Goth Rock/Industrial-Combo aus Italien, die auch bereits seit über zehn Jahren aktiv ist und nach ihnen folgte eine Band aus Portugal mit einem interessanten Namen, She Pleasures Herself, die sich zwar dahingehend als Mogelpackung entpuppte, dass sie keine Frau im Line-Up hatten und somit der Name auch nicht Programm sein konnte. Dennoch spielten sie eine gelungene Mischung aus Dark Wave, Goth Rock, und erinnerten ein wenig sogar an die frühen Sisters of Mercy. Mit Parade Ground gab es auf dem Schiff noch ein besonderes Schmankerl. Die Belgier waren in den 80ern bereits Pioniere der EBM/Industrial-Szene und zeigten, dass ihre Musik auch 2018 längst nicht zum alten Eisen zählt. Den krönenden Abschluss auf dem Boot übernahm Stilla Havet, eine schwedische Electro-Band, die eingängigen Synth-Pop im 80er-Stil bot.

Im Moon Stage Zelt begann das Autumn Moon märchenhaft mit den Elfenstimmen und schönen Klängen der hannoverschen Folk-Band Fairytale, bevor The Last Days of Jesus aus der Slowakei ihre Mischung aus New Wave und Post Punk dem Publikum präsentierten. Aus der Slowakei ging es weiter nach Barcelona mit den Industrial Rockern von Terrolokaust, bevor es mit dem Solo-Projekt von Project Pitchfork Keyboarder Dirk Scheuber zurück nach Deutschland ging. Mit The Arch aus Belgien bekamen die Moon Stage Besucher noch gelungenen Electro-Wave auf die Ohren, bevor System  Noire aus Hannover den Abend in der Moon Stage mit tanzbarem, eingängigen Electro beendeten.

In der Sumpfblume machte mit Mila Mar eine ganz besondere Band den Auftakt. Wehr mehr über diese einmalige Band um Ausnahmesängerin Anke Hachfeld erfahren möchte, folge diesem Link. Mit Then Comes Silence folgte eine Post Punk Band aus Schweden, bevor dann die Münchner Folk-Combo Vroudenspil die Stimmung in der Sumpfe zum Sieden brachte. Sie spielten eine interessante Mischung aus Mittelalter-Rock, Folk, der zeitweise sogar an Ska erinnerte und hatten das Publikum schnell in ihren Bann gezogen. Danach folgte die viel gehypte Band The Red Paintings, die in die Rubrik „künstlerisch wertvoll“ eingeordnet wird. Ich konnte an ihnen leider nichts Wertvolles entdecken. Spätestens, als sie das geniale “Mad World“ verhunzten, trat ich mit Grausen die Flucht aus der Sumpfe an. Zu The Cascades, Apocalypse Orchestra und Aborym kann ich nicht viel sagen, außer dass das Apocalypse Orchestra mit Doom/Folk/Medieval Metal eine weitere Musikfacette abdeckte und Aborym eine italienische Industrial Metal Combo ist.

Kommen wir nun zur Hauptbühne in der Rattenfängerhalle. Hier reihte sich ein Highlight an das nächste. Den Auftakt machte Industrial/EBM-Ikone Funker Vogt, der in Hameln beheimatet ist und somit quasi ein Heimspiel hatte. Neben Klassikern wie „Für Immer“ oder „Der Letzte Tanz“ spielten sie natürlich auch Stücke vom neuen Album „Wastelands“ und lieferten eine gelungene Bühnenshow, auch wenn es keine Feuershow gab. Stattdessen gab es Kuchen! Kaum zu glauben, aber wahr, die Jungs von Funker Vogt verteilten tatsächlich leckeren Kuchen an die Fans. Von einer vermummten Gestalt im Militärlook und Skimaske Kuchen auf einem Silbertablett serviert zu bekommen, erlebt man sicher auch nicht alle Tage.

Nach dem viel zu kurzen, aber genialen Auftritt der Hamelner folgte eine Band, die sich als Überraschungs-Highlight herausstellte. Denn den wenigsten sagte im Vorfeld Kellermensch etwas. Aber die dänischen Metal-Rocker spielten sich mit ihrer energetischen Bühnenshow schnell in die Herzen der Zuschauer und entsprechend positiv waren die Reaktionen des Publikums nach dem Auftritt. Danach trat mit Sven Friedrichs Electro-Projekt Solar Fake eine bekannte Szenegröße auf, der aber auch eine Überraschung in petto hatte, denn die ersten Stücke des Sets spielte die Band in einer Acoustic-Version, bevor sie dann die Elektronik in Gang setzten und die Besucher in Bewegung versetzten. Sven war dabei so sympathisch wie immer und auch der Auftritt ging viel zu schnell vorüber. Mit INVSN folgte erstklassiger Rock aus Schweden und dann, ja dann wurde es neblig.

Wer die legendären Fields of the Nephilim um Sänger Matt McCoy jemals live gesehen hat, dürfte wissen, was ihn erwartet. Ähnlich wie die Sisters of Mercy ballern sie bei ihren Live-Auftritten derart viel Kunstnebel in die Luft, dass man bis auf Schemen kaum etwas auf der Bühne erkennen kann. Dies ist zwar sehr atmosphärisch, gerade hinsichtlich ihrer Musik, jedoch nicht unbedingt sehr praktisch für Fotos. Aber auch wenn man nicht viel sehen konnte, war es ein gelungener Auftritt der Szene-Ikonen. Nach dem Headliner hatten wir auch dieses Jahr wieder einen Mitternachtsslot in der Rattenfängerhalle. Diesmal nehm diesen Platz Mother, eine Danzig-Tribute-Band ein, die gute Interpretationen des Danzig-Oeuvres darboten. Damit endete der erste ereignisreiche Tag des Autumn Moon 2018, wobei hier noch nichtmal die Piraten, Stelzenläufer, Feuershow und sonstigen Ereignisse auf dem Mittelaltermarkt erwähnt wurden, auf dem sich bei schönem Wetter und sternenklarem Himmel auch spät nachts noch Leute tummelten.

Text: Steve Palaser

Text & Fotos: Lothar Kaesler & Steve Palaser

Weiterführende Links:

Autumn Moon Festival

Sumpfblume

Funker Vogt

Solar Fake

Fields of the Nephilim

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