Das Märchen vom falschen Indianer

24. Februar 2015
By Frank Mandrella

Eine Theaterkritik von Isabelle Hannemann.

Besprechung zur Premiere von „Jo – Indianer kotzen nur nach innen.“ 21.02.2015 in der Hinterbühne an der Hildesheimer Straße.

Es war einmal und wenn sie nicht gestorben sind, so gibt’s am Schluss ein Happy End. Dazwischen fallen in Grimmscher Manier die Dominosteine, in dramatischer Regel und Reihenfolge. Ins Rollen gebracht durch eine böse Königin, die gute Fee, drei Zaubernüsse oder Wünsche, ist das Personal klar verteilt und gut bestückt. Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen, der gestiefelte Kater, der gnädige Jäger, die sieben Zwerge, ein Prinz auf seinem weißen Schimmel. Heldisch, männlich, zu schön um wahr zu sein, retten Sie die Goldmarie, das schlafende Schneewittchen oder Little Red Riding Hood. Das Märchen, es verspricht jedem Aschenbrödel Erlösung, wenn es nur dem tugendhaften, fleißigen, keuschen Rollenklischee folgt.

„… die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“

Man hätte die Gebrüder Grimm auf dem heißen Stuhl zerrissen. Uninspiriert, sexistisch, zu viel Kitsch, zu vorhersehbar.

Gevatter Braunert-Saak hingegen, inszeniert sein Antimärchen, eine Odyssee zwischen Kiel, Irland und –  ja auch die gefiederten Friedensboten fehlen nicht – stinkender Taubenscheiße auf dem heißen Blechdach.

Vor nahezu ausverkauftem Hause schickt Braunert-Saak, Uschi Nocchieri mit „Jo. Indianer kotzen nur nach innen“ als schmuggelnde Hafengöre, die Tugend nicht mal buchstabieren, aber rauchen kann, was das Zeug hält, auf eine Irrfahrt, die mit Bildern spielt, auf die man sich einlassen muss, die nicht gefallen wollen, die mehr Zeit brauchen, um zu wirken, als Ihnen Noccherie gelegentlich zugestehen will.

Der gute Stoff muss atmen Uschi!

„Ich war Jo. Und ich wuchs auf als Jo. Als der Sohn meines Vaters. Wenn er mich nicht Jo nannte, nannte er mich Junge. Und manchmal „mein“ Junge, wenn er mich gelobt hat. Aber das hat er nur ganz selten getan. Und wenn, dann nur für Dinge, für die andere Väter ihre Söhne eher verprügelt als gelobt hätten.“

Kleine Grausamkeiten, die uns nicht erschrecken dürften, bedenkt man die alltäglichen Nachrichten, die uns haben abstumpfen lassen, wenn Vergewaltigung, Missbrauch, Kinderarbeit und Zwangsprostitution mutimedial auf uns einstürmen.

Zuckerwort und Fleischpeitsche.

Der heiße Stuhl hätte sich darüber gestritten, ob das Stück hier zu viel Realismus Schrägstrich Einfallslosigkeit, ein Ergötzen an den Leiden der – dritte Person Singular, Genitiv – Gefolterten präsentiert oder doch einen zeitkritischen, brillanten Schachzug macht, der selbst der Grimmschen Tugendlehre durch die Geschlechtsrollenrochade ordentlich in die Eier tritt.

„Ich weiß auch nicht, wie lange ich im Wasser war und wie ich überlebt habe. Die Haie haben mir wohl nichts getan, weil … Na ja, wir essen ja auch keinen kranken Fisch, der schon stinkt.“

Braunert-Saak fädelt menschliche Katastrophen mit stinkender Leichtigkeit und zarter Selbstironie auf eine Perlenkette, die einem die Luft abschnürt. Es ist kaum auszuhalten und das Publikum ist erleichtert, wenn es über plastische Metaphern glucksend, sich seiner Affekte entledigen, sich freilachen darf. Ist eben nicht jeder Indianer, „Indianer kotzen nämlich nur nach innen.“

Mancher Kritiker – generisches Maskulinum – mag sich darüber mokieren, dass das männliche Personal – selbst das multiple – in diesem Domino mit Effekt zu eindimensional gezeichnet sei: Schändend, saufend, stehlend und letztlich doch unterm Sunsweet Pantoffel der auswechselbaren Matronen. Doch so einfach macht sich’s der Braunert-Saak dann doch nicht, statt Bukowski zu imponieren, flirtet Jo offenbar am liebsten mit der Banalität des Bösen, darunter ist auch schon mal „ein sehr einfühlsamer Mensch….also für einen Dreifachmörder.“

„Der einzige Makel, den sie hatte, war dass sie keinen hatte.“

Welchen Begriff von Weiblichkeit entwirft Braunert-Saaks Inszenierung in Jo?

Ein Wildfang, der in einem Abenteuer groß wird, das sich Münchhausen nicht besser hätte schönreden können? Überall und nirgends Zuhause, auf den Meeren und Brettern, die die Welt bedeuten, jagt ein Schiff das andere, nur niemand nach ihr.

Vielleicht glauben wir Jo ihre Stärke zu sehr, die Nocchierie ihrer Figur verleiht, denn Ihre Unnahbarkeit muss uns stutzig machen. Sie versteckt ihre allzumenschlichen Schwäche, denn wenn man ihr genau zuhört, setzt ihr Indianer Jo nie selbst die Segel,  stößt nicht die Dominosteine an, sondern wird von ihnen erschlagen, ins Leben und ins Meer geworfen wie stinkender Abfall. Und das Schiff segelt nirgendwo hin, bleibt eingesperrt in einem gläsernen Gefängnis und die entscheidenden Fragen offen wie eiternde Wunden.

„Und daran kann man sich auch verdammt schnell gewöhnen.“

Eine mit schwarzem Humor gewürzte Satire von Frank Felicetti,

Regie: Frank Braunert-Saak: www.unternehmenstheater-hannover.de

Spiel: Uschi Nocchieri: www.uschi-nocchieri.at/theater-jo/

Fotos: Isabelle Hannemann: www.isabellehannemann.net

ENDE.

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