Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

10. März 2019
By Holger Nickel

Drama

Dieser Roman über ein junges Mädchen hat Amerikas Leserschaft überwältigt und gespalten. Denn Turtle Alveston, so verletzlich wie stark, ist eine der unvergesslichsten Heldinnen der zeitgenössischen Literatur. Sie wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, wo sie jede Pflanze und jede Kreatur kennt. Auf tagelangen Streifzügen in der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres charismatischen und schwer gestörten intelligenten, aber gescheiterten Vaters. Erst als sie ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt die Befreiung aus seinen Klauen. Gabriel Tallents Debut ist von eindringlicher Wucht und zugleich Zartheit, eine neue Stimme, die niemanden kalt lässt. „Als Leser schlägt einem das Herz bis zum Hals und man hofft nichts inständiger, als dass Turtle durchkommen möge. Intensiv und lebendig“, schrieb die Marie Claire. Ein typisch amerikanisches waffenverliebtes Werk, aber auch ein Buch, das diese Stereotype aufs Korn nimmt.

Inhalt

Ein Roman, der an die Nerven geht, der einen mitnimmt und an der Menschlichkeit zweifeln lässt. Der das Schwache im Menschen aufzeigt und beispielhaft aufzeigt, wie wir Menschen ticken, worauf wir uns einlassen, was bestimmte Faktoren mit uns machen. Zerbrechen wir, oder lehnen wir uns auf, haben wir die Kraft aufzubegehren, gerade als Teenager gegenüber unserer einzigen Bezugsperson? Turtle ist in der Schule höchstens mittelmäßig, kann nur hoffen nicht sitzen zu bleiben und bald aufs College zu dürfen. Das liegt nicht an ihrer Intelligenz, sondern an ihrem Elternhaus und an ihren Prioritäten. Sie ist viel lieber in der Natur, erlebt hier einiges, ist ein Naturtalent. Denn zuhause ist es nicht immer schön. Ihr Vater liebt sie, doch manchmal zu viel. Nach dem Tod der Mutter, fokussiert er sich zu stark auf Turtle, fasst sie sogar in sein Sexualleben mit ein. Widerworte bedeuten Gewalt, Gewalt ist nur eine Form des Lernens für das Leben. Turtle versucht sich zu wehren, doch sie verfällt manchmal gar in die Rhetorik ihres Vaters und stösst damit andere vor den Kopf. Letztlich muss sie sich gegenüber ihrem Vater behaupten, egal was das bedeutet.

Kritik

Lange hat es gedauert, bis ich den Roman in die Hände genommen habe. Dafür waren folgende Faktoren ausschlaggebend: Ein weniger attraktives Cover, zu viele andere vermeintlich starke Bücher und ein hässliches „persönliches Leseexemplar“ Emblem. Die Geschichte ist kein leichter Stoff und sie wird immer schlimmer. Dabei bleibt es unerwartet abstrakt, die LeserInnen fiebern mit der Protagonistin mit, doch die Identifizierung, das auf den Charakter Einlassen bleibt vage, was vermutlich besser ist. Eine waffenliebende 14-jährige, die von ihrem Vater misshandelt und vergewaltigt wird, die versucht sich zu emanzipieren und bald noch einem anderen Mädchen zu helfen. Kann sie auf Hilfe von außen hoffen? Warum musste es ein gescheiterter Links-Intellektueller sein, haben die eine Affinität zu Waffen im Allgemeinen?

Gabriel Tallent, geboren 1987 in New Mexico, wuchs in der Nähe von Mendocino mit zwei Müttern in einem sehr liberalen Umfeld auf. Nach seinem Universitätsabschluss 2010 führte er zwei Sommer lang Gruppen mit Jugendlichen durch die Wildnis der Nordpazifischen Küste. Gabriel Tallent lebt heute in Salt Lake City. „Mein Ein und Alles“ heißt im Original „My absolut Darling“, wurde von Stephan Kleiner aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, hat 480 Seiten und ist im Penguin Verlag am 24. September 2018 erschienen.

Bewertung: 8/10 Punkten

Spannung: 3/4 – Action: 3/4 – Humor: 1/4 – Erotik: 2/4 – Anspruch: 2/4

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