Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

12. August 2017
By Holger Nickel

Gesellschaftsroman

Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt. „Gehen, Ging, Gegangen“ ist einer der meist diskutierten Romane des letzten Jahres. Entspricht er unserer Willkommenskultur, unserer Menschlichkeit und der Nächstenliebe, ist es Gutmenschentum, das ausgenutzt wird und hier eine prosaische Widmung erhält? Der Roman dürfte die Gemüter erhitzen, er hat auch jetzt, da er als Taschenbuch erscheint, nichts von seiner Aktualität verloren, zumal uns das Thema in den kommenden Jahren immer wieder beschäftigen wird. Wie gehen wir mit den relevanten gesellschaftspolitischen Themen um, welche Sogwirkung kann mit ihnen ermittelt werden, welche Ursachen und Lösungsmöglichkeiten gibt es. Der Roman wurde in so ziemlich jedem Kulturjournal besprochen und für gut befinden, dem möchte ich mich anschließen, rhetorisch und inhaltlich.

Inhalt

Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Statt die Pension zu genießen findet er eine neue Aufgabe und macht sich daran, Probleme aufzuzeigen und eine Lösung vorzuschlagen. Auf dem Alex treten zehn männliche Geflüchtete aus afrikanischen Ländern in einen Hungerstreik und nennen ihre Namen nicht. Diese Nachricht erreicht Richard und in der Folge ist sein Leben mit dem Leben von afrikanischen Asylsuchenden verbunden, die auf dem Oranienplatz in Ostberlin ausgeharrt hatten, die eine Vereinbarung des Berliner Senats unterzeichneten und die anschließend in drei verschiedenen Unterkünften untergebracht und kurz danach behördlicherseits erneut zu einem Umzug gezwungen wurden. Richard nimmt mit einigen von ihnen Kontakt auf und führt mit ihnen Gespräche, bei denen er sich anfangs Notizen macht. In seinen Aufzeichnungen gibt er einigen Kosenamen. Bald darauf gibt Richard Zweien von ihnen im Rahmen eines Deutschkurses etwas Unterricht für Fortgeschrittene, einen anderen begleitet er zum Amt, einem erfüllt er bei sich zuhause dessen Traum und zeigt ihm, wie Klavierspielen geht, einem weiteren verschafft er über die Weihnachtstage einen Pflegejob in der Familie einer Bekannten.

Kritik

Ein wichtiger Roman, der die hohen Erwartungen, die durch die Öffentlichkeit und zahlreichen Besprechungen geschürt wurden, erfüllt hat. Mir ist die Sprache sogar noch wichtiger als der Inhalt, dem ich ohnehin zustimme. Und rein rhetorisch ist das hier mehr als nur erfreulich. Danke für den Roman.

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren. 1999 debütierte sie mit der Novelle “Geschichte vom alten Kind”, der weitere literarische Veröffentlichungen folgten. Ihr Roman “Aller Tage Abend” wurde unter anderem mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem International Booker Prize ausgezeichnet. “Gehen, ging, gegangen” war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert (Shortlist). „Gehen, Ging, Gegangen“ hat 351 Seiten und ist im Penguin Verlag am 09. Mai erschienen.

Bewertung: 8,6/10 Punkten

Spannung: 2/4 – Action: 2/4 – Humor: 2/4 – Erotik: 1/4 – Anspruch: 3/4

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